Leseproben aus "Lebenslinien - Menschen im Krieg"

Verraten und missbraucht - Hitlerjugend im Krieg

 

Die Hitlerjugend entwickelte sich aus der Parteijugend der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei zur Staatsjugend mit militärischer Führung. Schon 1922 gab es bei der ersten Gründung der NSDAP eine Parteijugend, die sich Jugendbund der NSDAP nannte. Bald nach ihrer Gründung wurden die NSDAP und auch ihre Jugendorganisation verboten. Im Jahre 1925 erfolgte dann die Neugründung der NSDAP, die ihre Jugendorganisation Großdeutsche Jugendbewegung nannte. Auf dem Parteitag 1926 wurde die Großdeutsche Jugendbewegung in Hitlerjugend, Bund deutscher Arbeiterjugend umbenannt. Kurt Gruber war ihr erster Reichsführer, ihm folgten später die Reichsjugendführer Baldur von Schirach und Arthur Axmann. Im Jahre 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, wurden alle anderen deutschen Jugendorganisationen in die Hitlerjugend eingegliedert, sodass aus den anfangs 100 Mitgliedern im Jahre 1925, bereits 1,5 Millionen im Jahre 1934 geworden waren. Die Werbemethoden zum Eintritt der Jugend in die HJ ließen schon damals erkennen, dass die Freiwilligkeit eines Beitrittes praktisch nicht existiert hatte. Im Herbst 1933 war in Hessen ein Plakat zu sehen, das mit befehlsartigen Worten die jungen Menschen zum Eintritt in die Hitlerjugend aufforderte. Der Eintritt wurde zu einer öffentlichen Mobilmachung, mit einem Stellungsbefehl für jeden stilisiert. Darüber hinaus engagierten sich handwerkliche Standesorganisationen ihren Mitgliedern darzulegen, dass sie nur mit Jugendlichen, die der HJ angehören Ausbildungsverträge abschließen sollten.

In Werbeschreiben vom Mai 1934 wandte sich die Führung der HJ auch direkt an die Jugendlichen und forderte diejenigen, die sich noch nicht zum Beitritt entschieden hatten, ultimativ auf, ihren Beitritt zu erklären: Zum letzten Mal wird zum Appell geblasen! Die Hitlerjugend tritt heute mit der Frage an dich heran: Warum stehst du noch außerhalb der Reihen der Hitlerjugend? Wir nehmen doch an, dass Du Dich zu unserem Führer Adolf Hitler bekennst. Dies kannst du jedoch nur, wenn Du Dich gleichzeitig zu der von ihm geschaffenen Hitlerjugend bekennst. Es ist nun an Dich eine Vertrauensfrage: Bist Du für den Führer und somit für die Hitlerjugend, dann unterschreibe die anliegende Aufnahmeerklärung. Bist Du aber nicht gewillt der HJ beizutreten, dann schreibe uns dies auf der anliegenden Erklärung. (...) Wir richten heute einen letzten Appell an Dich. Tue als junger Deutscher Deine Pflicht und reihe Dich bis zum 31. Mai d.J. ein bei der jungen Garde des Führers.

Schon im Jahre 1933 bestand in Sipplingen am Bodensee eine aktive Organisation der männlichen Hitlerjugend. 1935 gab es neben der männlichen Hitlerjugend auch eine Gruppe des Bundes Deutscher Mädchen. Von ihrer Größe her müsste die männliche Hitlerjugend eine Gefolgschaft gewesen sei. Die BDM-Mädchen waren in der Unterzahl und werden eine Mädelschaft gebildet haben. Beide Organisationen gehörten zum Bann 408, der die Städte Überlingen Markdorf und Meersburg mit ihren umliegenden Ortschaften umfasste. Die Bannführung befand sich in der Kreisstadt Überlingen. In den folgenden Jahren gewann die Hitlerjugend zunehmende Beliebtheit bei den jungen Menschen. Die Möglichkeiten in der HJ ein neues Leben, frei vom Elternhaus und mit begeisternden Entwiklungsmöglickeiten zu beginnen, trieben sie geradezu in die Hände der Nationalsozialisten. Sie suchten die große Freiheit, die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Bis zum Jahre 1938 war der Mitgliederstand der HJ auf 8,7 Millionen Jungen und Mädchen angewachsen. Dieser rapide Anstieg wurde durch die Eingliederung der katholischen Jugendorganisationen, der österreichischen, der sudetendeutschen Organisation und durch Zugänge aus Deutschland erreicht. Die Marine-HJ umfasste in diesem Jahr 50000 Jungen, die Motor-HJ hatte eine Stärke von 90000 Jungen. In den Fliegereinheiten standen 74000 und in den Modellflug-Arbeitsgemeinschaften des Jungvolkes 73000 Jungen. Die Nachrichten-HJ hatte 29000 Angehörige. Für alle Jungen in der HJ trat die Wehrertüchtigung schon im Laufe der Vorkriegsjahre immer mehr in den Vordergrund.

Hitlerjungen vom Bodensee im Kriegseinsatz

 

Am 4. September 1944 wurden die Hitlerjungen des Banns 408, Überlingen am Bodensee, zum Schanzen in die Vogesen transportiert. Die sorgenvollen Gedanken vieler Mütter und Familien der jungen Menschen kann man sich leicht vorstellen, wenn man weiß, dass zu dieser Zeit ein beachtlicher Teil der Bevölkerung mit Bangen auf das Ende des Krieges wartete. Ungenügendes Wissen um die Kriegslage im Westen wird die Sorgen um Leib und Leben ihrer Kinder noch gesteigert haben.

Die Reaktion der Jugend auf diesen Einsatz reichte von Begeisterung, Zustimmung bis hin zur gelegentlichen Ablehnung. Doch die Mehrheit der jungen Menschen stand dem nationalsozialistischen Gedankengut und damit auch dem Einsatz positiv gegenüber. Sie hielt solche Einsätze für ein spannendes Abenteuer, fern von der Enge des heimatlichen Ortes. Sie empfanden es als eine große Chance, einmal ins Ausland zu kommen. Ob die Jungen und Mädchen so begeistert zu diesen Einsätzen gegangen wären, wenn sie geahnt hätten, wie die Nazis sie dabei ausnutzen wollten? Im Ernstfall „opferbereit“ ihr Leben zu geben für einen Diktator und einen Nazistaat? Doch diese Wirklichkeit konnten damals nur wenige erkennen. Der Glaube an das Gute, an Ideale und das feste Vertrauen in den „Führer“ wurde der Jugend überall und immer wieder eingeimpft. Und so wurden sie nicht mehr frei ihr ganzes Leben, bis sie merkten, dass sie verraten und missbraucht worden waren. Viel einfacher stellte sich diese „Reise in die Vogesen“ aus der Sicht des damaligen Überlinger Bürgermeisters Spreng dar, der durch die Macht der Nationalsozialisten in sein Amt gehoben worden war.  In Sprengs Kriegstagebuch findet sich ein lapidarer Eintrag: Am 4. September wurden aus der Stadt (Überlingen) und dem Bezirk Sechshundert 14 bis 18-jährige Jungen zum Schanzen an der Burgunder Pforte eingesetzt. (...) Anfang September erhielten gegen 100 Partei-und Volksgenossen der Stadt ihre Einberufung zur Schippaktion im Westen. Am 28.9 folgte die zweite Gruppe.

Meine Jugendzeit wünsche ich mir nicht zurück

 

Ein typischer Lebenslauf in den letzten Jahren des Hitlerregimes, die Jugendzeit von Fritz Singrün aus Friedrichshafen. Wie tief haben ihn die Ereignisse geprägt. Meine Jugendzeit wünsche ich nicht zurück, ein trauriges Fazit des damals 16 jährigen Jungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Einsatzort der Hitlerjugend vom Bodensee in Friesen und Hindlingen in Frankreich.
Foto E. Wiedeking 2015

Erinnerungen eines Dabeigewesenen

 

Heinrich Allert aus Schwetzingen berichtete über seine Erfahrungen als Hitlerjunge bei seinem Schanzeinsatz im September 1944 in Frankreich. 

Wir lebten in der Hoffnung auf eine baldige Befreiung

 

Albert Kocher ist Franzose, geboren am 3. April 1929 in Röschwoog, einem kleinen Ort auf der linken Rheinseite gegenüber von Rastatt. Bei Kriegsausbruch wurde er mit den Bewohnern aus Röschwoog für ein Jahr lang nach Innerfrankreich evakuiert. Ab 1943 wurden seine drei älteren Brüder zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Sein Bruder August kam schwer verwundet von der Ostfront zurück und sein Bruder Eugen starb einundzwanzigjährig an Ruhrerkrankung im Gefangenenlager von Tambow in Russland. Zwei nahe Familienangehörige kämpften auf der Seite der Alliierten. Charles Kocher, FFL in England, wurde 1944 von der deutschen Flak über der Normandie abgeschossen und Léon Huck, 1. Franz. Armee, fiel 1945 beim Kampf mit den Deutschen um den Brückenkopf Colmar. Grenzlandschicksal einer französischen Familie in der damaligen Kriegszeit.

Zum Kriegssondereinsatz nach Frankreich 

 

Aus dem Tagebuch des 14-jährigen Karlsruher Schülers Walter Härdle. Sein Tagebuch ist ein wichtiges Dokument, da es sehr bald nach den Ereignissen des September, im Oktober 1944, geschrieben wurde. Es ist eindringlich, detailliert und ganz in der Sprache der damaligen Zeit abgefasst. Nur selten lässt der Schüler seine persönlichen Empfindungen durchblicken. Gefühle konnte man sich nicht erlauben. Dennoch ließen sie sich nicht ganz verbergen. Der Spiegel eines Jungenlebens in nationalsozialistischer Zeit.

Kriegserinnerungen eines Elsässers

 

Am 1. September 1939, dem Tag von Deutschlands Kriegserklärung. war Paul Hugenel aus Keskastel, gerade 9 Jahre alt. Seine Mutter und er befanden sich vormittags im Feld, als sie die Dorfglocken läuten hörten. Das war das Zeichen zur Evakuierung. Das Dorf Keskastel lag in der Frontzone, nur etwa 17 Kilometer von der deutschen Reichsgrenze, im Tal der Saar. Nach französischen Militärplänen musste das Dorf innerhalb 48 Stunden evakuiert werden. Die Bewohner sollten nach Innerfrankreich per Bahn abtransportiert werden. Viele Bewohner kamen dahin. Sein Vater Nicolas Paul Hugenel war schon seit mehreren Wochen im 151. Regiment der Infanterie mobilisiert und hatte in der hiesigen Gegend Stellung bezogen. Seine Mutter war eine mutige und tapfere Frau.

Aus dem Leben eines Luftwaffensoldaten

 

Dieses Kapitel befasst sich mit den Lebenslinien eines Luftwaffensoldaten im Krieg. Es beschreibt einige Jahre aus dem Leben des Vaters, an den der Autor fast keine eigenen Erinnerungen hat. Diese Kapitel ist eine mit analytischer Zielsetzung durchgeführte Rekonstruktion. Intensive Recherchen, Besuche an den Plätzen der Ereignisse, Gespräche mit Personen die Ernst Wiedeking  gekannt haben, seine Briefe, seine Notizbuchaufzeichnungen und Fotos sowie eigene Überlegungen führten zur Entstehung dieses „autobiographischen Tagebuchs“. In der „Ich-Form“ geschrieben, ist es die größte Nähe zu einer Person, die ein Autor einnehmen kann. So ein „Tagebuch“ bringt Ruhe in das Leben eines Kriegskindes. Doch auch manches wird, selbst bei sorgfältiger Recherche und unvoreingenommener Analyse, für immer im Verborgenen bleiben.

1942 Da liegt er nun, mein Einberufungsbefehl. Es ist mir schlagartig klar, es gibt kein Zurück. Der Krieg, den ich bis jetzt nur aus der Zeitung und aus der Wochenschau kenne, hat mich eingeholt. Ich wische aufkeimende Zweifel weg, so schlimm kann es ja nicht werden. Familienunterhalt zahlt Vater Staat, meine Foto-Drogerie wird vorerst geschlossen. Annemarie und die Kinder werden sich auf diese neue Situation einstellen. Der kleine Ernst fragt schon neugierig, was es mit dem Befehl so auf sich hat. Elmar hängt noch an Mutters Schürze, er wird nicht viel von allem spüren. Am 15. April 1942 stehe ich zum ersten Mal in einer Kaserne. Gütersloh ist für die Grundausbildung vorgesehen. Exerzieren, Bettenbauen, Grüßen sind wohl die Hauptsachen. Der Dienst macht zeitweise sogar Spaß, obwohl ich nicht mehr zu den Jungen gehöre. Gelegentlich werden wir Älteren als „Alte Säcke“ bezeichnet, was macht‘s schon. Wenn schon Soldat, dann möchte ich bei der Luftwaffe Funker werden. Am 8. Mai 1942 geht es ab zur Ausbildung als Flugmeldefunker auf dem Fliegerhorst Werl in Westfalen. Nach vier Monaten lassen sie uns unsere frischen Kenntnisse zum ersten Mal praktisch ausprobieren. So ganz trauen uns die alten Hasen in der Nachtjagdleitstellung bei Namur in Belgien noch nicht. Seit dem 15. September sind wir jetzt hier, und werden von erfahrenen Leuten eingearbeitet. Die erste Prüfung zum Flugmeldefunker soll am 23. September steigen und bis dahin bleibt nicht mehr viel Zeit.
Evakuierung nach Schönebeck an der Elbe. Mein Urlaubsgesuch wird nun endlich positiv entschieden. Da wir in Kürze an die Front müssen, bekomme ich vom 29. November. bis zum 12. Dezember 1944 Einsatzurlaub. Sofort mache ich mich reisefertig. Ich fahre auf dem Heimweg bei meinem Bruder Karl in Schönebeck an der Elbe vorbei. Vielleicht kann er solange wie der Krieg noch dauert Annemarie und die Kinder aufnehmen. Die Sache geht klar. Die Familie kann bei Karl unterkommen. Er hat gerade ein Behelfsheim im Garten gebaut. Am 4. Dezember treffe ich in Mülheim ein. Das bekannte Spiel mit Einpacken geht wieder los. Wir haben ja noch Erfahrung von unserer ersten misslungenen Evakuierung nach Zweiflingen. Bald steht alles klar zum Versenden. Die Koffer werde ich am 8. Dezember auf die Bahn bringen und im Anschluss daran in Düsseldorf die D-Zuggenehmigung und die Fahrkarten holen. Bis dahin verpacken wir noch alles, was wir nicht mitnehmen können und tragen es in den Keller.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ernst Wiedeking ist beim Luftangriff auf den Hauptbahnhof Duisburg am 8.12.1944 gefallen.
Archiv Wiedeking

Lebenslinien reißen - Duisburg, 8. Dezember 1944

 

Am 9. Dezember 1944 berichtete das Bomber Command der RAF:
Das Ziel: Duisburg Rangierbahnhof. Aufgabe: Zerstörung der Einrichtungen des Rangierbahnhofes und Ausschaltung der Durchfahrtsgleise. 159 Lancaster-Bomber griffen zwischen 11.03 und 11.07 Uhr an. Dabei warfen sie etwa 900 Tonnen hoch explosiver Bomben und 34 größere Brandbomben ab. Dichte Bewölkung, mit Spitzen bis auf 8000 Fuß (2300 m) verhinderte die Beobachtung der Resultate. Dennoch wurde der Angriff exakt ausgeführt. Die beteiligten Mannschaften berichteten von einem gut konzentrierten Bombenabwurf. Nur gelegentliche, bis eben spürbare Flakabwehr wurde festgestellt. Feindliche Jäger wurden nirgends gesehen. Der Angriff wurde zusammen mit den Jagdbombern des Fighter Command der RAF ausgeführt. In diesem nur wenige Minuten dauernden Angriff gab es in Duisburg 86 Tote, 93 Verwundete, 30 Vermisste und hohe Sachschäden. Die Auswirkungen eines solchen Angriffs waren allen militärischen und politischen Führungsstellen bekannt, wurden jedoch damals nicht veröffentlicht. Dieser Angriff wurde im Wehrmachtsbericht am 9. Dezember 1944 falsch und mit dürren Worten beschrieben. Britische Terrorflieger warfen am Tag Bomben auf westdeutsches Gebiet, wobei vor allem in Duisburg Gebäudeschäden entstanden.

Am Morgen dieses 8. Dezember 1944 ging mein Vater aus dem Haus. Auf einem Bollerwagen nahm er unser Gepäck mit, um es am Bahnhof in Mülheim-Saarn aufzugeben. Das klappernde Geräusch der Eisenräder, als er wegfuhr, habe ich heute noch im Ohr. Unsere Evakuierung nach Schönebeck bei Magdeburg war für den nächsten Tag geplant. Vater hatte dafür Urlaub bekommen und war einige Tage zuvor aus Prag, wo er jetzt bei der Flakartillerie war, nach Hause gekommen. Er wollte über Kettwig nach Düsseldorf, um dort die für die Reise notwendigen D-Zug Genehmigungen zu holen. Sein Rückweg führte ihn in den Angriff der RAF auf den Hauptbahnhof in Duisburg.

Am Nachmittag des 8. Dezember unterschrieb Major Kauermann von der Schutzpolizei, im Auftrag von Franz Bauer, dem Polizeipräsidenten von Duisburg, die vertrauliche Lagemeldung über den Angriff. Am 9. Dezember musste Kauermann noch einen Nachtrag anfertigen. Solche Lagemeldungen oder auch ASO-Berichte erstellten alle an einem Krieg beteiligten Einheiten. Das ASO Summary der RAF, und die Lagemeldungen über die Angriffe auf Duisburg sind kriegsübliche militärische Kurzberichte, die unmittelbar nach einem Angriff die militärischen Erfolge oder Schäden benennen. Menschen, ihr Leiden und Sterben, haben in solchen Berichten keinen Raum. Ihre Opfer bleiben unbeachtet, und spielen nur eine untergeordnete Rolle. Sie galten stets als unvermeidbare „Verluste“, die eben in einem Krieg zu erwarten sind. So wurden in allen kriegsbeteiligten Ländern die Getöteten zu Helden erklärt und mit einem Totenkult umgeben, der es den Hinterbliebenen „leicht“ machen sollte, mit dem Verlust geliebter Menschen „fertig“ zu werden. Der Trauer sollte durch Umformung in heroische Phrasen die Realität genommen werden. Doch die Trauer um die Toten des Krieges und die daraus folgenden Probleme für die Angehörigen ließen sich nicht unterdrücken. Sie blieben in jedem Land und in den meisten Familien eine verborgene Privatangelegenheit der Hinterbliebenen.

Mein Vater wurde zu Hause aufgebahrt. Sein Sarg stand im Wohnzimmer. Ich erinnere mich an seine Kopfverbände, die seine schlimmen Verletzungen verbargen. Das Licht im Zimmer war abgedunkelt. Das ist meine einzige Erinnerung an ihn. Später fand ich einen Brief, den meine Mutter, nach unserer Evakuierung am 16. Januar 1945 von Schönebeck an der Elbe aus, an Vaters Kriegskameraden Hans Rappold geschrieben hatte, der die Situation nach dem Tod meines Vaters beschrieb. Unter anderem stand darin zu lesen: Von Prag aus, wohin er von Nürnberg aus versetzt war, bekam Ernst Urlaub, um uns, seine ganze Familie, zu seinem Bruder nach Schönebeck zu bringen. Acht glückliche Urlaubstage waren uns vergönnt, in denen er von früh bis spät schaffte, um unser wichtigstes Hab und Gut aus dem Westen fortzuschaffen. Am Samstag, den 9.12. morgens, wollten wir dann mit unseren drei Kindern fahren. Am Freitag den 8. fuhr er morgens um 5 Uhr 21 von Mülheim-Saarn nach Düsseldorf, um die letzten Gepäckstücke dort in den mitteldeutschen Zug zu bringen, und gleichzeitig die Reisegenehmigung für den D-Zug am anderen Morgen zu holen. Um die Mittagszeit wollte er wieder zurück sein. Er kam nicht zurück, ich wartete den Tag und die darauffolgende Nacht bis früh um 4 Uhr, dann hielt ich es nicht mehr aus. Am Bahnhof sagte man mir, dass in Düsseldorf keine einzige Bombe gefallen sei, auch die Strecken seien frei. Am Bahnhof Duisburg sei allerdings viel Unglück geschehen. Da kannte ich den Weg den ich gehen musste. Zu Fuß bin ich mit der Schwester meines Mannes (Mia Rathmann) nach Duisburg gegangen. Nachdem ich die furchtbare Gewissheit hatte, dass Ernst tot sei, habe ich ihn auf einem zwei Stunden von Duisburg abgelegenen Friedhof wiedergefunden.

Ich habe ihn trotz Verbot der Wehrmacht in sein schönes Heim bringen lassen, wo wir so unendlich glücklich waren. Zwei Tage und zwei Nächte gehörte er noch mir. Zwei Tage und zwei Nächte durfte ich noch bei ihm sein und ihm den letzten Dienst erweisen, indem ich seinen Kopf und seine Wunden an den Händen wusch und verband und seine Stiefel vom Schmutz reinigte. Wir haben ihn auf dem Saarner Friedhof beigesetzt.

Freiburg im Breisgau - Das Ende der NG200 und ihrer Besatzung

 

Freiburg am 27. November 1944. 341 viermotorige Lancaster- Bomber und 10 zweimotorige Mosquito-Jagdbomber starteten gegen 15.35 Uhr in Kirmington, England, und warfen am frühen Abend 1900 Tonnen Bomben auf die Stadt. Der Angriff dauerte nur 25 Minuten. Bei diesem Luftangriff starben etwa 2800 Menschen. Er war der größte auf die Stadt in der gesamten Kriegszeit. Die Toten fanden würdige Grabstätten auf dem Hauptfriedhof in einem riesigen Gemeinschaftsgrab und auf den umliegenden Gemeindefriedhöfen. Unter den Todesopfern waren aber auch sieben junge Soldaten der RAF. Ihr Bombenflugzeug, eine Lancaster mit der Kennung NG 200 AS-V, stürzte über Freiburg ab. Nur zwei von ihnen fanden ein Grab auf dem Hauptfriedhof, nachdem sie im Juni 1945 geborgen worden waren. Die Stelle, an der die übrigen fünf Soldaten bald nach dem Absturz verscharrt worden waren, wurde erst im Mai 1947 durch die 2. Missing Research and Enquiry Unit der RAF entdeckt. Sie lagen in einem Bombentrichter, der zusätzlich noch mit Trümmerschutt überdeckt war. Alle sieben Soldaten wurden 1948 exhumiert und auf dem britischen Soldatenfriedhof Dürnbach bei Bad Tölz wieder bestattet.

Am gleichen Tag des Angriffs auf Freiburg wurde gegen 12.00 Uhr Offenburg von 181 viermotorigen Fliegenden Festungen der 8. Amerikanischen Luftflotte angegriffen. 105 einmotorige Jagdbomber vom Typ Mustang begleiteten die Bombenflugzeuge. Bei diesem Angriff starben 77 Menschen. Die für den Luftschutz Verantwortlichen der Stadt Freiburg hätten eigentlich gewarnt sein und Vorkehrungen treffen müssen, die dem Schutz der Bewohner genutzt hätten. Doch nichts geschah, man verharrte auf dem schon lange zuvor vertretenen Standpunkt, dass Freiburg ein militärisch nicht interessantes Ziel sei und keine besonderen Maßnahmen zur Sicherheit der Menschen notwendig wären. Doch die militärische Situation, damit auch die Bedrohung der Städte durch Bombenangriffe, hatte sich grundlegend verändert. Aus dem größten Teil Frankreichs waren die deutschen Truppen vertrieben. Am 25. November wurde Straßburg durch alliierte Truppen befreit. Südlich von Straßburg, am Ostrand der Vogesen und im Rheintal standen alliierte Truppen. Lediglich bei Colmar gab es einen kleiner werdenden Brückenkopf, über den die deutschen Truppen unter harten Kämpfen über den Rhein zurückgeführt wurden. Freiburg sowie Offenburg und die gesamte Rheinschiene waren zum Kampfgebiet geworden. Das oberste Alliierte Hauptquartier, unter dem Kommando von General Eisenhower, brachte das in einer Direktive vom 22. November 1944 zum Ausdruck. Die alliierten Truppen hielten sich daran und die zuständigen deutschen Stellen ignorierten sie.

Der Ablauf des Angriffes vom 27. November ist von Gerd R. Überschär detailliert beschrieben worden. Deshalb sollen hier nur einige Informationen zur Situation vor und während des Angriffes bei Breisach und in einem etwa 2,5 Kilometer langen und etwa 1,5 Kilometer breiten Bereich, zwischen Betzenhausen im Westen und der Eschholzstraße im Osten, ergänzt werden. In diesem Bereich, der mit der Anflugrichtung der Bomber identisch ist, lag eine ausgeprägte Bombardierungsspur, vor der eigentlichen Kernstadt. Innerhalb dieses Bereiches wird auch die Lancaster NG200 eingeflogen sein. Die Stelle ihrer Bruchlandung liegt auch innerhalb des Bereiches. Die mit Fallschirmen abgesprungenen Soldaten der Besatzung und Ausrüstungsgegenstände wurden ebenfalls in diesem Bereich von Augenzeugen gesehen. Bereits im Anflug auf Freiburg wurde die NG200 mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Geschoss, das aus der Flakstellung Hochstetten bei Breisach abgefeuert wurde, getroffen. Der Abschuss wurde jedenfalls dieser Flakstellung zuerkannt. Auf Grund des Flaktreffers nördlich Breisach, der aller Wahrscheinlichkeit nach den Ausfall eines der vier Motoren zur Folge hatte, musste die NG200 unmittelbar ihre Flughöhe auf 10000 Fuß entsprechend 3000 Meter reduzieren. Diese Absenkung der Flughöhe ist notwendig, um eine Lancaster in voll beladenem Zustand mit drei Motoren flugfähig zu halten. Gleichzeitig sinkt die Fluggeschwindigkeit durch den verringerten Antrieb von ca. 160 Meilen pro Stunde auf ca. 140 Meilen pro Stunde. Die Anflughöhe des Hauptverbandes, bestehend aus drei Wellen, lag zwischen 12000 und 14000 Fuß, etwa 3000 und 4600 Metern. Die NG200 flog in der ersten Welle. Infolge des Treffers und der Verringerung von Geschwindigkeit und Flughöhe wäre die NG200 unterhalb der Flughöhe der ersten Welle des Hauptverbandes geflogen und könnte von dieser überholt worden sein. Die Flugposition unterhalb des Verbandes war in jedem Fall „bombengefährdet“, wenn die höher fliegenden Flugzeuge der Welle ihre Bomben abwarfen. Ein Treffer dieser Art ist zwar nicht auszuschließen, jedoch in diesem Fall eher unwahrscheinlich. Wenn ein mit Sprengstoff und Treibstoff beladenes Flugzeug von einer Bombe getroffen wird, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch in der Luft explodieren und dabei in kleine Stücke zerrissen. Unter diesen Bedingungen sind ein Absprung der Mannschaft mit dem Fallschirm und das Auffinden von großen Rumpfteilen, beides nachgewiesen, so gut wie ausgeschlossen.

Innerhalb des untersuchten Bereiches befand sich in Betzenhausen-Bischoflinde, im nordöstlichen Ortsbereich, eine umfangreiche Flakstellung mit Scheinwerferstellung. Durch die Absenkung der Flughöhe flog die NG200 auf ihrem Kurs in der Schussreichweite der 3,7 cm Flakgeschütze dieser Flakstellung. Ein Beschuss aus dieser Stellung ist ebenfalls möglich. Jedenfalls hat ein neu zum Beschuss von Breisach hinzu getretenes Ereignis die Situation der NG200 verschlechtert, sodass ein Notlandeversuch und der Absprung mindestens eines Teils der Mannschaft, die Folgen waren. Diese Verteidigungseinrichtung ist den Alliierten bekannt gewesen und da sie am Beginn des Zielanfluges auf die Stadt lag, auch bombardiert worden. Dabei wurde nahezu der gesamte Ort Betzenhausen schwer beschädigt. In der Stellung gab es fünf Tote. Allein im Ortsbereich Betzenhausen wurden 23 Einschläge großkalibriger Bomben gezählt. Unweit von Betzenhausen wurden südlich des Flückigersees fünf grüne Zielmarkierer abgeworfen, deren Feuerschein durch die dünne Wolkendecke von den Bombern aus deutlich gesehen werden konnte.

Die erste offizielle Mitteilung über das Schicksal der Mannschaft der NG200 erhielt das Britische Luftfahrt Ministerium im Februar 1945 vom Internationalen Roten Kreuz. Hierin wurde bestätigt, dass vier Soldaten, TD Ingle, WS Evans, J Jackson und GA Barrett, getötet wurden. Ein unbekannter Soldat, wahrscheinlich RL Strachan, wurde ebenfalls mit diesem Schreiben als tot gemeldet. Diese Meldung wurde vom deutschen Oberkommando an das Internationale Rote Kreuz zur Information der entsprechenden Regierungen geschickt. In diesem Dokument wird eine „Totenliste 262“ zitiert und gleichzeitig bestätigt, dass die fünf toten Soldaten am 3. Dezember 1944 auf dem Jüdischen Friedhof der Stadt Freiburg begraben wurden. Diese fünf Soldaten wurden 1948 exhumiert und auf dem britischen Soldatenfriedhof Dürnbach gemeinsam bestattet.

Ein im Juni 1947 entstandener Bericht der 2 Missing Research and Enquiry Unit der RAF bestätigt, dass Untersuchungen über das Schicksal und den Verbleib der Mannschaft der NG200 am 15. Mai 1947 und am 25. Mai 1947 durchgeführt wurden.

Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden auch Bürger, die in der Nähe des Jüdischen Friedhofes wohnten, verhört. Alle Verhörten gaben an, dass die Körper der toten Soldaten durch Luftwaffenangehörige, des nur 1000 Meter von der Absturzstelle entfernten Flughafens, geborgen worden sein könnten. Im Zuge dieser Untersuchung wurde der Jüdische Friedhof erfolglos am 15. Mai 1947 auf die Lage des Grabes der fehlenden fünf toten Soldaten untersucht.

Auf Grund dieses Misserfolges wurden die Aufzeichnungen über die Friedhöfe in den Diensträumen des zuständigen Bürgermeisters und in den Räumen der Verwaltung des Hauptfriedhofes von der Missing Research and Enquiry Unit der RAF durchsucht. An keinem der beiden Orte fand sie Aufzeichnungen über Gräber auf dem Jüdischen Friedhof. Der befragte Verwalter des Jüdischen Friedhofes konnte nicht weiterhelfen, da er noch in der Angriffsnacht die Stadt verlassen und somit keine Kenntnis von einer Bestattung am 3. Dezember 1944 außerhalb des Friedhofes hatte.

 

Unter Berufung auf die Angaben in der deutschen „Totenliste 262“ wurde der Jüdische Friedhof am 25. Mai 1947 erneut untersucht. Dabei hat wohl die 2 Missing Research and Enquiry Unit erheblichen Druck auf die städtischen Behörden ausgeübt, der ein weiteres Leugnen durch Mitwisser nicht ratsam erscheinen ließ. Durch die Aussage des Leiters der Gärtnerei des Freiburger Hauptfriedhofes, der an der erneuten Untersuchung auf dem jüdischen Friedhof teilnahm, wurde schließlich die Stelle, an der die fünf Soldaten verscharrt worden waren, gefunden. Sie befand sich auf einer unbepflanzten Fläche außerhalb längs der westlichen Friedhofsmauer am Ende des jüdischen Friedhofes. Die Fläche war mit Schutt überdeckt, mit Unkraut überwuchert und musste zuvor freigelegt werden. Das „Grab“ befand sich in einem Bombentrichter. Spätestens seit diesem 25. Mai 1947 war die Grablage von fünf Soldaten der NG200, außerhalb des Hauptfriedhofs, der Friedhofsverwaltung und somit der Stadt Freiburg bekannt. Am 10. August 1948 wurde das Grab neben dem jüdischen Friedhof geöffnet und darin die fünf toten Soldaten gefunden. Die Bedingungen, unter denen sie bestattet worden waren, ließen eine einzelne Identifizierung nicht mehr zu. Sie wurden am 9. Oktober 1948 auf dem britischen Soldatenfriedhof Dürnbach bei Bad Tölz wieder bestattet.

 

Die Scheinuntersuchung durch das Bürgermeisteramt. Im Wissen, dass schon am 25. Mai 1947 die Grablage aller sieben Soldaten städtischen Ämtern bekannt war, mutet es unverständlich an, dass das Bürgermeisteramt, Amt 1 der Stadt Freiburg, in einem Beschluss vom 1. August 1947 die Suche nach vermissten Soldaten der vereinten Nationen als ergebnislos darstellt. Um zu diesem Beschluss zu kommen, veranstaltete das Amt eine Suchaktion und veröffentlichte vor dem 30. Juni 1947 einen öffentlichen Suchaufruf, fragte formell beim Friedhofsamt und bei der Kriminalpolizei an. Alle „Nachforschungen“ bei diesen Dienststellen blieben, wie zu erwarten, ergebnislos. Warum die Nachfrage nach den Vermissten der Vereinten Nationen durch das Bürgermeisteramt überhaupt stattfand, da dort seit dem 25. Mai 1947 die Wahrheit über die toten Soldaten bekannt war, ist unverständlich. Deswegen bleiben große Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Nachforschungen der polizeilichen und städtischen Dienststellen.

Die Augenzeugin Maria Blattmann gab auf Grund des Aufrufes am 30. Juni 1947 ihre Beobachtungen bei der Stadt zu Protokoll und beschrieb das Auffinden eines toten Soldaten und eines Ausrüstungsgegenstandes. Die Aussage dieser Zeugin, die der Wahrheit entsprach, wurde nicht beachtet und einfach unter den Tisch gekehrt.

Glück gehabt - Absturz am Silberberg bei Hinterzarten

 

Der 20. und 21. Februar 1944 waren für die Bewohner des südlichen Schwarzwaldes ganz normale Tage im Kriegsgeschehen. Die Angriffe durch die alliierte Luftwaffe und durch alliierte Bodentruppen waren an diesen Tagen weit entfernt und schienen die Gemeinden in dieser Region nicht zu berühren. Doch im Hintergrund eines jeden Kriegstages bestand durch die Kriegsaktivitäten alliierter und deutscher Truppen eine unglaublich große Bedrohung, die zum damaligen Zeitpunkt von den einzelnen Bürgern gar nicht eingeschätzt werden konnte. Heute, da man einfach eine Übersicht über die Bedrohungsverhältnisse gewinnen kann, wird erst erkennbar wie außerordentlich groß dieses Bedrohungspotential damals gewesen ist.

Die meisten Bürger bezogen ihre Informationen zum Kriegsgeschehen aus den dürren täglichen Meldungen des Oberkommandos der Wehrmacht, aus denen hier zitiert wird.

20. Februar 1944. In den Morgenstunden des 20. Februar richteten britische Bomberverbände einen Terrorangriff gegen Orte in Mitteldeutschland. Durch Abwurf einer großen Anzahl von Spreng-und Brandbomben wurden insbesondere die Wohngebiete der Stadt Leipzig getroffen. Unsere Luftverteidigungskräfte vernichteten 83 viermotorige Bomber. Feindliche Störflugzeuge warfen in der vergangenen Nacht Bomben auf Orte in Nord-und Nordwestdeutschland.

21. Februar 1944. In den Mittagsstunden des 20. Februar griffen nordamerikanische Bomberverbände mehrere Orte in Nord-und Mitteldeutschland an. Durch Spreng-und Brandbomben entstanden stellenweise beträchtliche Schäden, besonders in Leipzig. In den frühen Morgenstunden des heutigen Tages führten britische Bomberverbände bei geschlossener Wolkendecke einen Terrorangriff gegen den Raum von Stuttgart. Besonders in den Wohngebieten der Stadt Stuttgart wurden Schäden verursacht und dabei Kulturdenkmäler, Kirchen und öffentliche Gebäude zerstört. Unsere Luftverteidigungskräfte vernichteten bei diesen Angriffen trotz starker Behinderung durch die Wetterlage 49 britisch-nordamerikanische Flugzeuge, in der Mehrzahl viermotorige Bomber.

Dass schon zu dieser Zeit des Krieges täglich tausende alliierter Bomber, Jagdbomber und Begleitjäger über dem Reichsgebiet und den westlich davon liegenden besetzten Gebieten operierten, lässt sich aus den dürftigen Nachrichten des Oberkommandos der Wehrmacht nicht herauslesen.

In wenigen Zahlen sollen die tatsächlichen Verhältnisse im Luftraum über dem Reichsgebiet und den westlichen besetzten Gebieten dargestellt werden. An diesen beiden Tagen im Februar flogen über dem oben genannten Gebiet 1747 viermotorige Bomber der RAF und 1899 viermotorige Bomber der USAAF zu ihren Einsätzen. Dabei wurden die amerikanischen Bomber noch von insgesamt 1514 Jagdflugzeugen und Jagdbombern begleitet. Die in den Einsatzberichten der RAF und USAAF angeführten Ziele an diesen beiden Tagen liegen über das gesamte Gebiet des Reiches und der westlichen besetzten Gebiete verteilt. Diese Streitmacht von insgesamt 4160 Flugzeugen, die zu jeder Zeit und an jedem Ort ihre Bombenlast entladen oder ihre Kampfkraft einsetzen konnte, stellte eine Übermacht und damit eine erhebliche Bedrohung dar, die den Eingeweihten der militärischen und politischen Führung bekannt war. Daran ändern auch die Verlustzahlen der Alliierten dieser beiden Tage nichts, die in den deutschen Tagesberichten besonders hervorgehoben wurden.

Diese Bedrohung fand für die Bewohner von Hinterzarten ihre Bestätigung im Absturz eines viermotorigen Halifax-Bombers der Pathfinder Force der RAF am Silberberg, der auf dem Weg zu einem Angriff auf Stuttgart war. Bis zu diesem Ereignis waren die Bewohner der Gemeinde eher Zuschauer des Luftkriegsgeschehens am Himmel. Doch dieser Tag machte unmissverständlich klar, dass die ruhigen Zeiten für die Einwohner der Gemeinde zu Ende gingen. Schon bald darauf, im September des gleichen Jahres, wurden Hinterzarten, die Ravennaschlucht, Titisee und die Bahnlinie Freiburg-Donaueschingen Teil des taktischen Luftkampfgebietes im Südwesten. Von da an wurde dieses Gebiet, bis zum Ende der Kampfhandlungen 1945, mehrfach unmittelbares Ziel der Bomber und Kampfflugzeuge der 1. Taktischen Air Force der Amerikaner und Franzosen. Unabhängig davon überflogen weiter alliierte Bomberverbände den südlichen Schwarzwald auf dem Weg zu ihren Zielen östlich des Schwarzwaldes.

Nun, mehr als 70 Jahre nach dem Ereignis, kommen Fragen nach der Vergangenheit und es ist Zeit aufzuschreiben, wie es zu diesem Absturz der Halifax kam. Wie die Menschen in der Unglücksmaschine und in der Gemeinde diesen Tag erlebten, der beinahe zum schlimmsten Tag in ihrem Leben geworden wäre.

Die Geschichte von Francis Max aus Neuseeland

 

An den Folgen des Krieges, den Deutschland mit dem Einmarsch in Polen begann, hatten überall auf der Welt viele Menschen zu leiden. Am 1. September 1939 entbrannte dieser Krieg, der sich bald zum 2. Weltkrieg ausweitete und die Länder Europas, Nordafrikas und des pazifischen Raumes erfasste. Er war wirklich ein Weltkrieg, in einer Dimension, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Soldaten vieler Länder wurden in den Kampf geschickt. Sie wurden verwundet und getötet. Die Getöteten wurden als Helden geehrt und mit einem Trauerkult umgeben, der es den Hinterbliebenen leichter machen sollte, den Tod eines geliebten Menschen hinzunehmen. So sollte der Trauer ein Stück ihrer Realität genommen werden. Doch die Trauer um die Toten des Krieges ließ sich nicht relativieren. Sie blieb letztlich immer und überall die Privatangelegenheit jedes einzelnen Angehörigen.

Eine Diskussion über Kriegsopfer in Deutschland aus kriegsrechtlicher, militärischer, politischer oder persönlicher Sicht muss das ebenso große Leid der vom Krieg betroffenen Menschen aller anderen Länder anerkennen. Trauer und Leid sind für jeden gleich und kennen keine nationalen Grenzen. Über Trauer und Leid der eigenen Opfer nachzudenken, öffnet den Blick für das Mitgefühl mit den  Opfern aus anderen Ländern.

Francis Max McKenzie war Neuseeländer. In der Nacht des 23. Juni 1943 verband der Krieg seine Lebenslinie mit der Kriegsgeshichte der Stadt Mülheim-Ruhr. Er flog als Pilot einen der Stirlingbomber, die ihre Bombenlast über der Stadt abwarfen. Auf dem Rückflug wurde seine Maschine von einem Nachtjäger abgeschossen und zerschellte kurz hinter der niederländischen Grenze bei Oostrum in der Nähe von Venlo. Er hielt sein abstürzendes Flugzeug in einer Fluglage, die es seiner Mannschaft ermöglichte mit dem Fallschirm abzuspringen. Für ihn reichte die Zeit zum Absprung nicht mehr. Die Bergungsmannschaften fanden ihn tot, mit ungeöffnetem Fallschirm, nahe bei den Trümmern seines Flugzeugs. Er wurde gerade einmal sechsundzwanzig Jahre.

Im Internet wurde ein Bericht über dieses Ereignis veröffentlicht, aus dem Dankbarkeit, dass der Pilot Francis Max das Leben seiner Mannschaft gerettet hatte, sprach. Zugleich stand in diesem Internetbericht auch etwas über seinen Vater und seine Mutter, die in Dannevirke auf der Nordinsel Neuseelands lebten. Diese Hinweise waren die ersten Anknüpfungspunkte, um über sein Leben zu recherchieren. Wer war dieser „Feind“, wer war Francis Max? Wo hatte er die wenigen Jahre seines Lebens verbracht, was machten seine Eltern? Wie wurde er Bomberpilot und wie kam es zu seinem Einsatz über Mülheim an der Ruhr? Das waren die Fragen, auf die in diesem Kapitel eine Antwort gegeben werden soll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Francis Max McKenzie aus Dannevirke in Neuseeland. Er stürzte beim Bombenangriff auf Mülheim an der Ruhr am 23. Juni 1943 mit seiner Stirling ab. Archiv Wiedeking
 

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelles Thema

Flucht und Vertreibung

1945 Die Flucht von Bublitz/Pommern, nach Tönning/Schleswig-Holstein

Autor Wolfgang Quade

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   Silja Maria Wiedeking
Writer - Journalist - Author 

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Vor dem Vergessen bewahren

Foto ca. 1937 

Josef Märte

aus Sipplingen am Bodensee. 

Josef wurde am

18. 09. 1919 in Sipplingen geboren und wird seit dem

03. 08. 1044 in 

Stupia - Pacanow /Polen vermisst. 
Laut Meldung war Josef am 3. August 1944 bei der

2. Kompanie leichte Feldwerftabteilung (motorisiert) I/40 
An Josef wird noch heute auf dem Grabstein seiner Eltern und Schwester auf dem Friedhof in Sipplingen erinnert. 

Foto 2017 

Auf Spurensuche

 

Jüdischer Friedhof in Bad Buchau. Foto August 2016

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http://www.judeninbuchau.de/ 

Der Durnbach War Cemetery und das Durnbach Cremation Memorial ist eine Kriegsgräberstätte der Commonworlth War Graves Commission, die in Gmund am Tegernsee im Ortsteil Dürnbach liegt. Foto Juli 2016

Diese beiden Fotos zeigen Wolfgang, Jürgen und Elmar bei der Spurensuche im Bereich der ehemaligen Nachtjagdstellung in Eppingen. Fotos März 2016

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