24. Dezember 1944

Angriff auf den Flughafen Essen - Mülheim

 

Auslöser für den Angriff auf den Flughafen Essen-Mülheim war die Ardennenoffensive der deutschen Wehrmacht. Ziel der Offensive war der Vorstoß der deutschen Truppen bis zum Atlantik, um den Vormarsch der Alliierten zu unterbrechen und die alliierten Truppenteile im Norden abzutrennen.

Trotz eines umfangreichen Aufmarsches der deutschen Truppen an der westlichen Reichsgrenze konnte die Offensive als Überraschungsangriff am 16. 12. 1944 gestartet werden. In den ersten Tagen der Offensive gelang die fast vollständige Überrumpelung der amerikanischen 1. Armee. Das für die Durchführung des Planes erwünschte schlechte Wetter stellte sich ein und hielt einen großen Teil der alliierten Luftflotte am Boden. Doch am 23.12. besserte sich das Wetter und die gesamte alliierte Luftmacht wurde in den folgenden Tagen gegen Bahn- und Transportziele sowie gegen Flughäfen eingesetzt, die zur Durchführung der Ardennenoffensive benutzt wurden.

Am 24. und 25. 12. wurden die Flughäfen Lohhausen, heute Düsseldorf, Hangelar bei Bonn, Butzweilerhof bei Köln und Essen- Mülheim durch die RAF angegriffen.

Neben diesen vier Angriffen auf die Flughäfen führte die RAF zwischen dem 16. 12. und dem 31.1. 1945 weitere 20 schwere Angriffe auf Bahneinrichtungen in Trier, Köln, Bonn, Koblenz, Bingen, Limburg, Rheydt, Opladen, Mönchengladbach, Vohwinkel und Oberhausen- Osterfeld aus. Am 26.12. erfolgte ein schwerer Bombenangriff auf die deutschen Bodentruppen bei St. Vith in Belgien.

Im gleichen Zeitraum fanden zusätzlich etwa 17 amerikanische Luftangriffe statt, die sich besonders gegen militärische Objekte, taktische Ziele und die deutschen Kampftruppen im Ardennengebiet richteten.
 

Am Heiligen Abend um 14.05 Uhr heulten in Mülheim die Sirenen. Drei Minuten später wurde der Luftalarm ausgelöst, der bis 15.11 Uhr bestehen blieb. Der Angriff auf den Flughafenbereich dauerte nur wenige Minuten. Nach Angaben der Örtlichen Luftschutzleitung der Stadt Essen fielen die Bomben im Flughafenbereich und im angrenzenden Stadtgebiet zwischen 14.21 Uhr und 14.27 Uhr. Englische Quellen berichten, dass einzelne Bombenabwürfe bis 14,31 Uhr erfolgten.

Etwa 170 Flugzeuge griffen als Hauptziel den Flughafen an. Weitere Treffer erfolgten bis zu sieben Kilometer vom Hauptziel entfernt in Mülheim, aber auch in Essen.

Die Bomberflotte bestand aus 124 viermotorigen Halifax Bombern, 40 viermotorigen Lancaster Bombern und 5 zweimotorigen Mosquito Bombern.

Gleichzeitig wurde der Flughafen Düsseldorf- Lohhausen, der damals wesentlich unbedeutender als Essen- Mülheim war, mit ebenso vielen Flugzeugen angegriffen.

Der Flughafen Essen- Mülheim diente bei der Ardennenoffensive als Startbasis für die

II. Staffel des Kampfgeschwaders 51, konnte aber wegen des schlechten Wetters erst ab dem 22.12. zu Kampfeinsätzen im Bereich der Ardennen benutzt werden.
 

Noch im Dezember 1944, mit Beginn der Ardennenoffensive, bezog die II. Staffel KG 51 den Horst Essen-Mülheim. Die Start und Landebahn war zu kurz für die Me 262, so dass diese im vollen Beladungszustand nur mit Starthilferaketen aufsteigen konnte. Von Essen aus wurden vorwiegend Stellungen und Truppenkonzentrationen der Alliierten bei Euskirchen, Düren, Jülich und im Hürtgenwald angegriffen. Aber auch Bastonge stand auf der Liste der Ziele, wie beispielsweise am 2.1.1945, als Me 262 der Staffel einen entsprechenden Einsatz flogen.                           Aus Manfred Jurleit, Strahljäger im Einsatz

 

Am Tage des Angriffes war eine Jagdstaffel mit Bf 109 Jägern ( Messerschmitt 109 )auf dem Flughafen gelandet, um wahrscheinlich auch in die Kämpfe in den Ardennen einzugreifen.
 

Der Luftangriff am hl. Abend war die Folge der Zwischenlandung einer Jagdstaffel Bf 109 am gleichen Vormittag. Die Umstände sprechen dafür, dass es sich um eine von der Flughafenleitung unerwartete Notlandung dieser Jagdstaffel gehandelt hat. Die Landung erfolgte in einer solchen Hektik, dass es zu mehreren Überschlägen oder ähnlichen Unfällen kam. Während die Staffel nach einigen Stunden zum Weiterflug bereitstand und auf das Startkommando wartete, war über dem Flugplatz in großer Höhe ein Flugzeug zu beobachten, von Westen kommend und nach Westen abdrehend. Nachdem die Staffel abgehoben hatte, gegen 15 Uhr, (wahrscheinlich gegen 14 Uhr) die Luftwaffenhelfer trafen gerade die letzten Vorbereitungen in den Unterkünften für das Weihnachtsfest, befand sich plötzlich mitten über dem Rollfeld ein Rauchzeichen. Im gleichen Augenblick näherte sich ein sehr tief fliegender Bomberverband, ohne dass eine vorherige Alarmierung,

( wahrscheinlich ist die Alarmierung der Luftwaffenhelfer gemeint ) stattgefunden hatte. Es blieb gerade noch so viel Zeit die Stahlhelme aufzusetzen und in die Einmannlöcher zu springen.                                                                   Karl Stangenberg       April 1984,

 

Am Tage des Angriffes befand sich ein Teil der IV. Staffel des Nachtjagdgeschwaders 1 auf dem Flughafen Essen- Mülheim und ein zweiter Teil der gleichen Staffel auf dem Flughafen Lohhausen. Diese Ansammlung von Flugzeugen konnte den Alliierten nicht verborgen bleiben und ist mit großer Sicherheit als zeitlicher Auslöser für den geplanten taktischen Angriff auf den Flughafen- Essen Mülheim anzusehen. Aus den Tagebuchaufzeichnungen der Staffel geht hervor, dass sie am 18. 12. in Düsseldorf eingetroffen ist und am 27.12. wieder abgezogen wurde. Es ist anzunehmen, dass dieses auch ihr Aufenthaltszeitraum in Mülheim war. In der Zeit vom 19. 12. bis zum 29. 12. flog die Staffel keine Einsätze. Der Schreiber des Tagebuches war in Düsseldorf. Es handelt sich bei diesem Dokument vermutlich um das Tagebuch des Staffelkapitäns.


24.12.1944 Gegen 15.00 Uhr wurden von etwa je 150 Lancastern und Halifax die Flugplätze Essen- Mülheim und Düsseldorf angegriffen.

Materialverluste in Düsseldorf. 1 Ju88 total, 5 Bf110 leicht beschädigt. In Essen- Mülheim. 1 Bf110 total, 2 Bf110 schwer, 3 Bf110 leicht beschädigt. Personenverluste in Düsseldorf keine.

In Essen- Mülheim wurde durch eine Bombe ein Bunker getroffen. Unter den weit über hundert Toten befanden sich auch 18 Angehörige der IV. Staffel NJG 1.

Die Rollfelder der beiden Flugplätze wurden durch viele Hunderte von Bombentrichtern förmlich umgepflügt.

Da infolgedessen ein Start nicht mehr möglich war, (Textstelle unleserlich). Saßen wir, nachdem wir, zusammen mit der Kommandantur von der Platzbesichtigung zurückgekehrt und mit dem Fliegerhorst Sofortmaßnahmen besprochen hatten, ab 20.00 Uhr bei Kerzenschein, Weihnachtsbaum und einem Glas Sekt vertraulich im Kameradenkreise zusammen und ließen es „hl. Abend“ und „Weihnachten“ werden.

Platz Düsseldorf war ab 27.12. wieder startklar. 4/1 nach Werl verlegt mit Besatzungen.

                                                                                              Aus dem Tagebuch IV.NJG1

 

 

Bunker in der Windmühlenstraße im Februar 1948. Foto Archiv Wiedeking

Die meisten Menschen starben im Bunker an der Windmühlenstraße, der gegen Ende des Angriffes direkt getroffen wurde. Ein apokalyptisches Inferno im Inneren ließ nur wenigen, die in ihm Schutz gesucht hatten, eine Chance zu überleben. Jene, die lebend entkamen, haben berichtet, wie es im Bunker war, wie sie versucht haben Menschenleben zu retten.


Hans Siepman, damals 16 Jahre, der heute noch in der Flughafensiedlung wohnt, erinnert sich.

Im Bunker waren viele Frauen mit ihren Kindern. Soldaten, die auf dem Flughafen stationiert waren, oder zur Fliegerschule gehörten, drängten sich mit ihren Bräuten und Müttern nach dem Alarm in den Bunker. Die Weihnachtsfeier am Flughafen war schon geplant. Leute aus der Haarzopfsiedlung kamen immer bei Alarm zu uns in den Bunker.

Die Familien der Flughafensiedlung wohnten regelrecht im Bunker. Außen, um den Bunkerinnenraum herum, gab es Zellen, die sich je zwei Familien teilten. Diese Zellen befanden sich im Untergeschoss und im Obergeschoss des Bunkers, der am Hang lag. Ich überlebte mit meiner Familie, Vater war in Urlaub gekommen, in einer solchen Zelle im Untergeschoss.

Das untere Geschoss war mehrheitlich den Siedlungsbewohnern vorbehalten, das obere Geschoss benutzten die Soldaten und die anderen Leute, die in den Bunker kamen.

Schon bald nach Beginn des Angriffes bekam der Bunker einen Bombentreffer und das Licht und die ganze Lüftungstechnik fielen aus. Die Bombe traf den Bunker an einer Ecke, richte aber an dem Betonklotz nur geringe Schäden an.

Die Bombe, die die Decke des Bunkers durchschlug und mit ungeheurer Gewalt im Obergeschoss detonierte, fiel nachdem der Angriff schon vorbei zu sein schien und wir glaubten wieder einmal davon gekommen zu sein. Im oberen Geschoss hatte es viele Tote gegeben, denn die Menschen standen dicht beieinander.               Hans Siepmann   2003

 

Heute ist vom Bunker an der Windmühlenstraße nichts mehr zu sehen. Wohnhäuser stehen an der Stelle, wo damals viele Menschen den Tod fanden. Das Leben geht weiter. Dennoch bleibt vielen bis heute die Erinnerung an ein schreckliches Ereignis. Es war die größte Einzelkatastrophe der Kriegszeit, die die Menschen unserer Stadt getroffen hat.

Bevor der Bunker abgerissen wurde diente er einem Sanitärgroßhandel als Lager. Die Bauakten von 1947, als der Bunker zum Lager wurde, zeigen alle Dimensionen des Bunkers. Eingezeichnet sind auch das Loch, das die Bombe in die 1,40 m dicke obere Betondecke geschlagen hat und das Loch, das ihre Detonation in die 30 cm starke Zwischendecke gerissen hat. Der innere Raum, ohne die Zellen, im Unter- und Obergeschoss ist etwa 120 Quadratmeter groß und bot jeweils etwa 250 Personen Platz.

Die Bombe detonierte im inneren Raum des Obergeschoss und tötete fast alle, die sich hier befanden. Ein großer Teil der Getöteten stürzte mit den Betonteilen der Zwischendecke in das untere Geschoss. Die Betonbrocken töten und verletzten die Menschen, die sich dort befanden. Diejenigen, die an den Außenseiten des Bunkers, im Schutz der Zellen, waren, hatten eine Chance zu überleben.

Die Deckenstärke von 1,40 m weist darauf hin, dass es sich bei dem Bunker an der Windmühlenstraße um ein Bauwerk der ersten Bauphase gehandelt hat. Bunker der zweiten Bauphase wurden mit stärkeren Decken mit 2,50 m Dicke ausgeführt, bereits bestehende Bunker wurden mit größerer Deckenstärke versehen. Bunker in Mülheim wurden jedoch von der zweiten Bauphase durch Verfügung des Generalbevollmächtigten Bau vom 14.7.1941 ausgeschlossen. Für die Menschen am Flughafen war dieses eine fatale Entscheidung.

Panzerbrechende Bomben, die in der Lage waren eine Bunkerdecke zu durchschlagen, hatten eine Sprengmasse von etwa 1000 kg und wurden zur Zerstörung gepanzerter Einzelziele verwendet. Sie waren so konstruiert, dass sie zunächst die Panzerung( Beton ), durchschlugen und dann erst detonierten. Sie wurden bevorzugt von Mosquito Bombern abgeworfen, die zwei dieser Bomben mitführen konnten. Der Abwurf dieser Bomben erfolgte vor oder nach einem Hauptangriff, da er aus geringerer Höhe als eine Flächenbombardierung ausgeführt wurde. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass auch eine Luftmine mit einer Sprengmasse von etwa 2 Tonnen die Bunkerdecke durchschlagen haben könnte.


Walter Merzenich, Leutnant und Pilot der Luftwaffe, war gerade am 23.12.1944 von der Fliegerschule Göppingen nach Essen- Mülheim gekommen. Statt, wie vorgesehen, eine Umschulung auf schwere Flugzeuge zu beginnen, verbrachte er den ersten Tag mit dem Zuschaufeln von Bombentrichtern auf der Startbahn des Flughafens, die von vorangegangenen Angriffen stammten. Er wohnte in einem Privathaus in der Nähe der Tennisplätze am Oppspring, zusammen mit anderen Flugschülern. Er beschreibt die ersten Rettungsmaßnahmen nach dem Unglück.

Am 24.12 gegen Mittag aß ich in der Offiziersmesse im Empfangsgebäude des Flughafens. Als gegen 14 Uhr Luftalarm gegeben wird, erkundigte ich mich nach dem Weg zum Bunker und wurde in die Windmühlenstraße geschickt. Ich betrat den Bunker durch den Eingang im Obergeschoss. Auf einer Bank im Innenraum fand ich einen Platz. Der Bunker füllte sich rasch mit Menschen, Frauen mit ihren Kindern, Soldaten vom Flughafen, Bewohner der Umgebung.

Im oberen Raum stauten sich die Menschen und nicht alle fanden Platz auf den Bänken. ich machte meinen Platz auf der Bank frei und ging an den äußeren Rand des Bunkers, wo sich die Zellen befinden. Das rettete mein Leben, weil ich sonst direkt unter der Einschlagstelle der Bombe, die gegen Ende des Angriffes fiel, gesessen hätte. Um die Einschlagstelle sind alle getötet worden, ihre Körper wurden zerfetzt und in alle Richtungen weggeschleudert. Verletzte lagen unter den Toten. Der Bunker war mit Betonstaub gefüllt, der auch nach Stunden nicht weniger zu werden schien, man konnte fast nichts sehen. Elektrizität und Lüftung waren ausgefallen.

Soldaten, die die Explosion überlebt hatten, bildeten Gruppen zu je vier Personen, die zunächst versuchten, die Verletzten zu bergen. Sie mussten sie unter Leichen und Betonteilen hervorziehen, ohne genau sehen zu können, was oder wer gerade vor ihnen lag. Rettungsmannschaften sind erst später hinzugekommen. Wir haben fast zwei Stunden allein auf uns gestellt gearbeitet. Die Verletzten haben wir vor den Bunker auf den gefrorenen Boden legen müssen .Unter den Verletzten fand ich einen Mann meiner Fliegergruppe, dem ein Betonbrocken in die Brust eingedrungen war.

Nachdem Rettungskräfte eingetroffen waren und ich ein wenig zur Besinnung gekommen war, merkte ich erst, dass ich durch die Explosion selber betroffen worden war. Benommenheit, Kopfschmerzen, Augen , die der Betonstaub verätzt hatte, ich war nicht mehr in der Lage weiter zu helfen. Am nächsten Tag wurde ich nach Göppingen zurück kommandiert.                                                                                       Walter Merzenich 2003

Windmühlenstraße. Foto: Kurt Schmitz

Am 24.12., abends um 20.30 Uhr gab der Höhere SS- und Polizeiführer West eine erste zusammenfassende Schadensmeldung heraus, die auch die Schäden in Mülheim darstellt. Bei diesen ersten Meldungen muss berücksichtigt werden, dass sie in einigen Punkten unvollständig sind. Dies trifft mit Sicherheit für die Angaben über die Opfer des Angriffes zu.

Die Zahl der abgeworfenen Bomben dürfte zu diesem Zeitpunkt jedoch recht genau festgestellt sein. Mülheim wurde demzufolge von 2400 Sprengbomben, 50 Minenbomben und 1200 Stabbrandbomben getroffen. Der größte Teil dieser Bombenmenge ist im Flughafenbereich niedergegangen. Dennoch sind zusätzlich einzelne Abwurfschwerpunkte, über die Stadt Mülheim und Essen verteilt, festzustellen. Auffallend die hohe Anzahl von 50 Minenbomben und der kleine Anteil der Brandbomben.

Die Wachbücher der Essener Feuerschutzpolizei zeigen einen sehr ruhigen Verlauf des 24. 12., nur zwei Brandfälle, und auch in Mülheim liegen keine Berichte über Einsätze der Feuerschutzpolizei zu diesem Zeitpunkt vor.

Die Zusammensetzung der Bombenmischung deutet darauf hin, dass dieser Angriff zwei Ziele verfolgte. Die Zerstörung der Start und Landeflächen durch Teppichabwürfe von mittelschweren Bomben und die Zerstörung größerer Funktionsgebäude, zu denen auch der Bunker an der Windmühlenstraße gehörte, mit großen Bomben. Der Abwurf der Bombenmenge auf den Flughafen dauerte nur sechs Minuten. Zeitzeugen berichten, dass der Bunker durch ein einzelnes, tief fliegendes Flugzeug angegriffen wurde. Ebenso wurden gleich lautende Aussagen von Soldaten, die den Angriff außerhalb des Bunkers beobachteten, einem Zeitzeugen gegenüber gemacht.

Neben dem Flughafenbereich fielen an diesem Tag Bomben in Saarn, in der Nähe des Klostermarktes und beim Bahnhof. Durch diesen Treffer wurde die Bahnlinie Styrum- Kettwig unterbrochen. Ebenfalls in Saarn fielen Bomben im Pfälzerweg, in der Oembergsiedlung.

Auch auf Broich sind Bomben gefallen. Einschläge sind in der Bülowstraße und am Schloss Broich erfolgt. Zeitzeugen berichten von Einschlägen am Ende der Bachstraße und am Anfang der Kaiserstraße. Die Bahnlinie von Essen- West nach Mülheim- Eppinghofen war durch einen Bombentreffer unterbrochen.

Bombentreffer gab es auch in Dümpten im Bereich Verbandsstraße ( Ruhrschnellweg ) Eppinghoferstraße. In der Mausegattstraße fielen ebenfalls Bomben.

In der Stadt Essen fielen Bomben außerhalb des Flughafengeländes in der Eduard- Lucasstraße und in der Moritzstraße in der Nähe der Gruga, in der Raadterstraße und in der Straße am Ruhmbach im Stadtteil Haarzopf, in der Maybachstraße und in der Bredeneyerstraße im Stadtteil Bredeney. Eine Bombe schlug im Bereich der Barkhovenallee im Stadtteil Heidhausen ein.

Aus der Stadt Mülheim starben 72 Bürger, mehrheitlich im Bunker. Ihre Familiennamen nennt die Opferliste der Stadt Mülheim.

Lieben, Tübben, Fondermann, Dörnenburg, Koldorf, Kellner, Freiburg, Göttert, Dissel, Baltes, Sellerbeck, Schwarz, Breitkreutz, Schilling, Koep, Herkendell, Hemscheidt, Fine´, Paul, Schauenburg, Jebbink, Altermann, Mühlemeier, Lambeck, Eickmeyer, Trautmann, Kankeleit, Kammann, Hemscheidt, Bröker, Kuhlmann, Kalinski, Hartmann, Kreutz, Koep, Wexel, Thimm, Hendriks, Beyer, von Assel, Albien, Kammann, Ehring, Nicolai, Nagel, Wilke, Schwan, Schulz. Hinzu zu fügen sind noch 4 getötete Menschen des Arbeitserziehungslagers am Flughafen.

 

Die Zahl der getöteten Bürger aus Essen und anderen Städten lässt sich nicht vollständig rekonstruieren. Auswertbare Opferlisten liegen dazu nicht vor. Insgesamt starben aus diesem Bereich etwa 100 Bürger. Etwa 70 davon im Bunker an der Windmühlenstraße, 17 im an den Flughafen angrenzenden Stadtgebiet von Essen und 13 Luftwaffenhelfer auf dem Flughafen.

 

Die Zahl der getöteten Soldaten im Bunker lässt sich nur schätzen. Zeitzeugen berichten von 220 bis zu 280 Toten des Angriffes im Bunker.
Wenn man davon die im Bunker Getöteten der Städte Mülheim und Essen mit anderen Städten abzieht, bleiben 80 bis 140 getötete Soldaten im Bunker, davon 18 Soldaten der 4. Staffel des Nachtjagdgeschwaders 1.

 

Genauere Opferzahlen sind heute nicht mehr zu erarbeiten. Nach wie vor fehlen die Aufzeichnungen der Luftschutzleitung des Luftschutzortes Oberhausen Mülheim aus dieser Zeit, die möglicherweise Angaben zu den Opfern im Bunker enthalten könnten.

Zu den Opfern gehörte auch die Mülheimer Familie Thimm, die in der Flughafensiedlung im Beekkamp 19 wohnte. Der Vater, Ernst Thimm, war als Polizist aus Ostpreußen nach Mülheim versetzt worden. Vier Kinder waren mit ihm in die Stadt gekommen. Seine erste Frau Erna war mit 23 Jahren an Scharlach gestorben. Ernst Thimm heirate zum zweiten Mal und die Familie vergrößerte sich um weitere acht Kinder. Die kinderreiche Familie bekam die Möglichkeit, in der 1935 erstellten Siedlung am Flughafen ein Haus zu erbauen. Ein guter Platz für die große Familie und gleichzeitig so nah am Arbeitsort des Vaters, der inzwischen an das Meteorologische Amt des Flughafens versetzt worden war.

Am 24. 12.1944 sollte sich alles ändern. Der Angriff auf den Flughafen zerstörte das Familienleben, das trotz des Krieges durch die Mutter Elfriede Thimm so gut wie möglich organisiert und gestaltet wurde. Inzwischen war der Vater im Krieg. Fünf der zwölf Kinder waren in der Kinderlandverschickung in Kärnten und im Allgäu, eines bei einer Verwandten in Kassel, als das große Unglück über die Familie hereinbrach. Die Mutter und zwei kleine Kinder starben. Die hinterbliebenen Kinder erlebten Evakuierung, Vertreibung und Flucht.


Ursel Knippenberg erzählt, wie sie diesen Unglückstag erlebte.

Heilig Abend 1944. Es war ein wunderbarer Tag, blauer Himmel, helle Sonne. Alle Vorbereitungen für den festlichen Abend waren gemacht. Der Weihnachtsbaum stand geschmückt im Wohnzimmer. Und doch blieb die Frage, werden sie uns heute in Ruhe lassen?

Mein Bruder Horst, 18 Jahre, hatte Urlaub bekommen, obwohl das bei den Soldaten zu dieser Zeit nicht mehr so häufig vorkam. Meine jüngsten Geschwister Elke, 2 Jahre, Renate, 3 Jahre und Irene, 4 Jahre, spielten im Haus und warteten gespannt auf den Abend, an dem es so viele gute Sachen geben würde. Ich war 17 Jahre und wie viele Mädchen in dieser Zeit beim BDM.

Am Abend sollte eine Weihnachtsfeier für die Soldaten vom Flughafen stattfinden. Da ich gut Gitarre spielen konnte, war ich dazu bestimmt worden, dabei die Weihnachtslieder zu begleiten. Ich hatte ein wenig Lampenfieber und wollte in jedem Fall noch mal die Lieder üben, bevor es am Abend richtig ernst wurde. Meine Schwester Gisela, 16 Jahre war auch zu Hause. Ich stand mit meiner Gitarre da und übte, als gegen 14 Uhr der Alarm losging. Mutter packte rasch Renate und Irene in den Kinderwagen und Gisela schnappte sich die kleine Elke. Schnell rannten sie in den Bunker, in dem wir im oberen Geschoss eine Zelle hatten. Horst und ich blieben im Haus.

Weil ich noch fertig üben wollte, versprach ich meiner Mutter, sobald wie möglich nachzukommen. Horst wollte im Haus bleiben. Ich war ganz in meine Übungen vertieft, als ich einen ungeheuren Knall hörte. Vor Schreck ließ ich meine Gitarre fallen und rannte in unseren Keller. Horst kam auch runter.

Bald darauf hörten wir, dass der Bunker getroffen worden sei. Vor Angst zitterte ich am ganzen Körper. Horst rannte zum Bunker, um nach Mutter und den Geschwistern zu schauen. Lange kam Horst nicht zurück. Ich war völlig aufgelöst und zitterte immer noch, als er endlich kam und berichtete, dass der Bunker einen Volltreffer bekommen hat. Sofort hatte er versucht Mutter und die Kinder zu finden. Er konnte Gisela und die kleine Elke schwer verletzt aus dem Bunker bringen. Mutter mit Irene und Renate konnte er nicht mehr finden. Gisela und Elke wurden später in Krankenhäuser gebracht.

Zunächst weiß niemand wohin. Wir glaubten, dass beide tot waren. Horst suchte nach den beiden und fand Gisela in einem unterirdischen Notkrankenhaus in Duisburg. Sie hat dort einige Wochen im Koma gelegen, erholte sich aber und war drei Wochen nach dem Angriff wieder bei uns. Auch Elke kam zu uns zurück. Mutter mit Renate und Irene haben wir Anfang Januar auf dem Hauptfriedhof beerdigt. Bei der Beerdigung wurden wir von Tieffliegern beschossen.

Gisela, Elke und ich blieben allein zurück. Horst musste wieder zu den Soldaten und Vater war an der Westfront im Krieg. Ich war die Älteste und versuchte, die Mutter zu ersetzen. Zum Glück waren alle anderen Geschwister nicht zu Hause. Vor Verzweiflung warf ich am Heiligen Abend den Weihnachtsbaum aus dem Haus in den Garten.

Als alleinstehende Kinder gerieten wir bald in die Hände der NSV. Gegen unseren Willen wurden wir Mitte Januar 1945 nach Brandenburg evakuiert. Dort konnten wir nur für eine kurze Zeit bleiben, weil die Russen immer näher kamen. In Mai befanden wir uns auf der Flucht in Richtung Westen. Zu Fuß mussten Gisela, Elke und ich unseren Heimweg antreten. Ich erinnere mich noch an den Moment, als wir über die Oder kamen. Drei Monate unvorstellbarer Entbehrungen und dauernde Angst um unser Leben lagen hinter uns, als wir endlich zu Hause ankamen Unser Haus war während unserer Abwesenheit mit anderen Leuten belegt worden. Nachbarn nahmen uns auf.

Ich wurde auf der Flucht für die Mutter von Elke gehalten und vergewaltigt. Das schlimmste, was einer Frau angetan werden konnte, hatte ich über mich ergehen lassen müssen.

Schwer krank hatte mich unsere Flucht gemacht, so krank, dass ich meine Lehre unterbrechen musste. Niemand war da, der uns beistand. Und ich war noch nicht einmal 18 Jahre geworden. Vater kam 1945 aus dem Krieg zurück und heiratete die Frau seines gefallenen Schwagers.                                                   Ursel Knippenberg geb. Thimm2003

Haus Schmitz, Ecke Bertholdstraße / Windmühlenstraße nach dem Angriff vom 24. Dezember 1944. Foto: Kurt Schmitz

Kurt Schmitz, der an der Bertholdstraße Ecke Windmühlenstraße wohnte, schrieb seine Kindheitserinnerungen an die Flughafensiedlung, den Bunker und die Folgezeit auf. In jungen Jahren wurde er Zeuge jener schrecklichen Zeit und ihrer grausamen Ereignisse.

Unser Haus wurde durch meinen Vater Wilhelm im Jahre 1937 erbaut und war der ganze Stolz des Bauingenieurs. Im September 1937 wurde ich als viertes Kind geboren. Von meiner Mutter Emmy habe ich erfahren, dass ich damals das erste Kind war, das in dem zuletzt fertig gestellten Teil der Richthofensiedlung, heute Flughafensiedlung, sein Zuhause fand. Der jüngste meiner Brüder, Fritz, war 13 Jahre älter als ich.

Schlimme Erinnerungen sitzen tief und ein Ereignis aus dem Jahre 1943 hat sich in mein Gedächtnis eingegraben. Wieder war Fliegeralarm und alle rannten, wie fast jeden Tag, zum Hochbunker an der Windmühlenstraße. Unsere Familie hatte einen Bettplatz in einer Zelle, im unteren Geschoss. Kaum waren die Tore geschlossen, fielen die ersten Bomben, sodass der ganze Bunker erzitterte.

Als der Spuk vorbei war, ist eine Frau in unsere Zelle gekommen und hat meiner Mutter gesagt, sie habe ihr eine schlimme Nachricht zu überbringen. Sie müsse nun ganz stark sein. Schreckensbleich fragte meine Mutter: „Welcher meiner Söhne ist es?“ „Keiner, Frau Schmitz. Ihr Haus liegt in Trümmern.“ Mutters Antwort: „Warum jagen Sie mir dann so einen Schrecken ein?“ Hier wird deutlich, was damals wichtig war, das Überleben der Familie. Wie würde man heute reagieren, wenn mit einem Schlag das Haus in Schutt und Asche läge? In der Folgezeit verbrachten wir die Nächte im Bunker.

Nie werde ich den Nachmittag des Heiligabends 1944 vergessen. Der Flughafen und die Richthofensiedlung wurden bombardiert. Die meisten Opfer forderte der Angriff auf unseren Hochbunker. Die Luftmine hatte die Decke und den Boden des Obergeschosses durchschlagen und viele, vorwiegend Frauen und Kinder, in beiden Ebenen des Bunkers in den Tod gerissen.

Aus dem Vorraum zur Toilette im Untergeschoss, hier spielten die nicht frontfähigen Männer oft Skat, brachte mich mein Vater nach draußen. Wir kletterten über Berge von Schutt und mussten auch die Stelle des Bombeneinschlages passieren, um den Ausgang zu erreichen. Ein Berg von Toten lag unter der Einschlagstelle im breiten, mit Bänken versehenen Mittelgang. Dieser furchtbare Anblick hat sich so tief in mein Gedächtnis eingegraben, dass ich noch heute das Bild vor mir sehe.

Vater ging dann wieder zurück in den Bunker, um meine Mutter zu suchen. In der Nähe unserer Zelle fand er sie, Gott sei Dank nur leicht verletzt. Draußen sahen wir die vielen toten Menschen, die inzwischen nebeneinander rund um den Bunker niedergelegt waren. Es waren viele bekannte Gesichter darunter, auch aus unserer Straße, Krankenwagen fuhren in großer Zahl die Schwerverletzten in umliegende Krankenhäuser.

Wir verließen den grauenvollen Ort und sahen die vielen starkbeschädigten Häuser. Hinter glaslosen Fenstern standen geschmückte Weihnachtsbäume. Nun hatte unsere Familie weder eine Bleibe noch einen Luftschutz. Die Geschwister meiner Schwägerin, die in sehr beengtem Wohnraum lebten, nahmen uns in ihre Wohnung, am Kamperhofweg 11, auf. Später wies man uns ein Haus im Kugenbergweg 1 zu, dessen Eigentümer aufs Land geflüchtet war. Unsere dritte Unterkunft fanden wir schließlich in der Zeppelinstraße 24, in einer Wohnung über der Bäckerei Steinfarz. Auch hier wurden wir eingewiesen, weil sich die Mieter vor den Bomben in Sicherheit gebracht hatten.

Im Frühjahr 1945 ist meine Mutter mit mir vom Bahnhof Essen in die Nähe von Höxter gefahren. Kurz nach unserer Abreise wurde der Essener Hauptbahnhof bombardiert. Unterwegs mussten wir den Zug mehrmals verlassen, weil ihn Tiefflieger beschossen. Meine Mutter hat dann auf einem Bauernhof gearbeitet, und dafür für uns ein Zimmer und freie Kost erhalten.

Wenn die Bomber in großer Höhe über uns hinwegflogen, und ich kleiner Flüchtling mich weinend versteckte, lachten mich die Bauernkinder, die den Krieg nie kennen gelernt hatten, aus. Im April 1945 kamen die Amerikaner in unser Dorf. Endlich war der Krieg für uns vorbei.

Mein Vater holte uns zurück und baute mit Hilfe meines ältesten Bruders Willi, der als Überlebender des Kampfes um Stalingrad, vom weiteren Kriegsdienst freigestellt worden war, unser Haus an der Windmühlenstraße 30 wieder auf.

Nach einjähriger Kriegsgefangenschaft in Schottland kam mein Bruder Fritz heim. Jetzt fehlte nur noch Heinz, der noch am 10. März 1945 geschrieben hatte, dass es ihm gut gehe und er das Ende des Krieges herbei sehne. Als sich mein Bruder Heinz auch bis Weihnachten 1945 noch nicht gemeldet hatte, reiste mein Vater mit dem jüngsten Bruder Fritz zu dem Ort in Norddeutschland, aus dem sein letztes Lebenszeichen gekommen war. Sie fanden auch Menschen, die sich an ihn erinnerten. Sie versprachen, einen Kriegskameraden von Heinz aufzuspüren, um Näheres zu erfahren.

Als wir 1946 schon in unserem Behelfsheim in der Windmühlenstraße wohnten, kamen mein jüngster Bruder und ich zufällig am Haus Zeppelinstraße 24 vorbei. Mein Bruder schaute in den Briefkasten, der noch unseren Namen trug. Er fand den Brief des Kriegskameraden meines Bruders Heinz. Dieser Brief erstickte jäh die Aufbruchsstimmung in unserer Familie. „Leider wurde Ihr Sohn Heinz bei einem Einsatz am 9. April 1945 in Menslage, bei Quakenbrück, tödlich verwundet.“ Am 30. April wäre Heinz 23 Jahre geworden.

Zur Trauer um den Sohn und Bruder kam nun die Zeit des Hungers. Ich erinnere mich, dass ich 1947 zu meinem 10. Geburtstag ein Maisbrot geschenkt bekam, das ich allein essen durfte. Oft gab es Brennesselsalat, Steckrüben und ähnliche „Leckereien“. Vater fuhr mehrmals aufs Land, um unsere wenigen, noch verbliebenen Habseligkeiten, gegen Essbares einzutauschen. Auf der Rückfahrt wurde uns dann der Rucksack, gefüllt mit Wibbelbohnen, gestohlen.

Gott sei Dank heilt die Zeit auch tiefe Wunden. Immer wieder habe ich meinen Kindern von der Kriegszeit erzählt, damit sie hellwach sind, wenn, wie jetzt, Leute glauben, mit Krieg ein Problem lösen zu können                                                      Kurt Schmitz     2003

 

 

Heinz Schmitz geboren 1922, gefallen am 9. April 1945. Foto: Kurt Schmitz

Den schlimmen Kriegsalltag einer Siedlerfamilie, gegen Ende des Jahres 1944, beschreibt Hedwig Paul, Bertholdstraße 10, in ihrem Brief, den sie etwa einen Monat vor dem Tod ihres Sohnes Otto abgeschickt hat.


Lieber Karl, liebe Minchen.                                              Mülheim, den 22.11.44

Heute nun sollen all meine Lieben einen Brief von mir haben so auch Ihr. Den Brief von Karl und die Geburtstagskarte mit 12 Tagen Verspätung erhalten. Aber was gilt in diesen schweren Zeiten ein Geburtstag, ich wollte gar nicht daran erinnert werden, hatte keine Blumen und keinen Kuchen und war mit dem kleinen Otto allein. Bei uns hat sich nun sehr viel geändert, hoffe aber doch, dass ihr Beiden noch wohlauf seid, noch ein Dach über dem Kopf habt, was ja heute die Hauptsache ist.

Dir liebe Minchen muss ich noch danken für das, was Du dem Karl für mich mitgeschickt hast. Ganz wunderbar war ja die Büchse mit Fleisch und es war ein Festtag für uns, als wir den Inhalt verzehrten. Ich weiß, dass Ihr mit Eurer Hausschlachtung auch haushalten müsst, deshalb noch mal besonderen Dank.

Wo soll ich nun anfangen, Euch meine Lieben, alles der Reihe nach zu schildern? Fangen wir beim großen Otto an. Nachdem ich August und September ganz ohne Nachricht von ihm war, bekam ich Anfang Oktober den Bescheid, dass Otto in englische Gefangenschaft geraten ist, weiß aber nicht, wo er ist. Auf der Karte stand – Anschrift abwarten – und darauf warte ich heute noch.

Inge hat man als Flakhelferin eingezogen, sie ist um Dresden herum und ist teils am Fernsprecher, teils muss sie Wache schieben, also auch sie ist Soldat.

Otto der Kleine ist noch in der Lehre, hat vorige Woche 6 Tage Ausbildung als Volkssturmmann mitgemacht, rechnet aber jeden Tag mit einer Einberufung zum Arbeitsdienst. Er will lieber Soldat sein als Lehrjunge. Volker und Runo sind etwa 5 Wochen in Württemberg. Wie schwer es mir geworden ist, die beiden Jungen zu fremden Leuten zu geben, kann ich Euch gar nicht schildern. Ich hab vor Kummer und Sorgen gejammert nach meinen Kindern und wollte sie wiederholen. Aber die dauernden Angriffe hier hielten mich davon zurück. Nach 8 Tagen bekam ich nun Bescheid vom Runo, die Leute schrieben sehr nett, dass sie alles tun würden für den Jungen, was sie nur könnten, ich solle mir keine Sorgen machen, dass Volker mit Runo spielt, schrieben sie auch, aber ich wusste nicht, bei wem der Volker ist – wartete auf Nachricht – schickte ein Telegramm dort hin zur N.S.V. bekam keine Antwort.

Nach 3 Wochen nun bekam ich einen Brief von Volker selbst, in dem er schrieb, ich solle ihn wieder holen, ihm ging es nicht gut. Könnt Ihr Euch vielleicht meine Aufregung vorstellen? Am liebsten wäre ich sofort hingefahren, aber wenn das heute nur so ginge. Da lief ich in meiner Not zur N.S.V denn hinfahren musste ich auf jeden Fall. Schwester Irmgard schmuggelte mich nun als Transportbegleiterin ein und der Transport fuhr am Sonntag.

Da, drei Tage später bekam ich von Volker wieder einen Brief, in dem schrieb er: „Liebe Mutter, mir geht es gut. Ich bin jetzt bei einem Opa, einer Oma, einer Gertrud und einem kleinen Karlheinz. Die sind alle gut zu mir. Nun schrieben auch die Leute, dass Volker bei einem Bauern gewesen sei, wo es ihm gar nicht gefallen habe und immer, wenn er bei Runo gewesen sei, wollte er nicht mehr zurück. Da ist die junge Frau, die eine Schwägerin ist von Runos Pflegetante, zu dem Bauern gegangen, hat mit dem Bauern gesprochen und am anderen Tag kam Volker dann zu ihr. Nun, schreibt sie, will er nicht mehr nach Hause. Er wohnt nur 2 Häuser von Runo entfernt.

Ich bin ja diesen Leuten so von Herzen dankbar, dass sie für meine Kinder sorgen, dass sie Verständnis für unsere Lage haben. Wir würden ja viel lieber unsere Kinder bei uns haben, aber es wäre ein Wahnsinn, es zu tun. In Mülheim sind überall Bekanntmachungen angeklebt, dass Frauen und Kinder die Stadt verlassen sollen, überhaupt alles, was hier nicht berufstätig ist, soll weg.

Auch meine Tage sind hier gezählt, denn sobald der Otto eingezogen ist, fahre ich ab, aber wohin? Zuerst mal für eine Zeit nach Koblenz, denn da steht die Wohnung leer. Meine Freundin ist nach (Niederdonau) mein Freund im Lazarett. Vielleicht versuche ich dann, zu meinen Jungen nach Württemberg zu kommen. Vielleicht bekomme ich auch vorher eine Bombe aufs Haupt. Man kann nie wissen, was der morgige Tag bringt.

Nun fragt Ihr nach meinem Behelfsheim – ja es ist und bleibt ein Behelfsheim, denn jetzt ist es nur noch ein Behelf, im Winter kann ich unmöglich hier bleiben, oder ich erfriere. Die Bude war noch nicht fertig, da ist sie auch schon wieder hin. Ich hätte es mir so ganz gemütlich gemacht, aber wie es eben so ist – heute noch auf stolzen Rossen, morgen ein Trümmerhaufen.

Beim letzten Terrorangriff auf Essen fielen bei uns auch Bomben, es war montags. Otto und ich sitzen beim Abendbrot – da Alarm. Schon sind auch die Flieger da. Fluchtartig mussten wir unsere Hütte verlassen. Getroffen wurden hier oben die Hermann-Göring-Halle und einige umliegende Bauernhäuser. Durch die Erschütterung fiel bei uns in der Küche die Decke herunter. Na, es hat noch gut gegangen. Aber unser schönes Abendessen, es war hin. Porzellan kaputt. Aber der Schaden war zu ertragen.

Otto blieb am Dienstag zu Hause, die Decke wieder ganz machen und abends kam sein Freund und hat noch geholfen die Decke zu weißen. Und am Mittwochmittag um 3 Uhr war alles wieder hin – alle Arbeit umsonst.

Kaum im Bunker, fielen auch schon die ersten Bomben. In unserer Straße, das zweite Haus, bekam einen Volltreffer. Unten in der Siedlung fielen mehrere Bomben und einige Häuser lagen platt. Gott sei Dank waren alle Menschen im Bunker, nur ein alter Mann war im Keller und ausgerechnet in dieses Haus saust auch eine durch bis in den Keller, zum Glück ein Blindgänger. Der Mann kam mit dem Schrecken davon, kam in den Bunker und weinte wie ein Kind. Als wir aus dem Bunker kamen, brannte alles ringsherum, Duisburg, Essen, bei uns die Baracken knisterten und knasterten, es war ein Dunst und Qualm.

Ich weiß nicht, ob Ihr Euch vorstellen könnt, mit welchen Gedanken, welchem Gefühl wir den kurzen Weg zu unserer Behausung, nach so einem Angriff zurücklegten. Steht es oder steht es nicht. Brennt es vielleicht. Aber es kann ja nicht mehr da sein, denn die Bomben fielen so nah. Otto lief vor und kam mir entgegen: „Mutter, es steht noch, aber wie“. Als ich nun vor den Trümmern, vor dem Schutt stand, da wusste ich nicht, sollte ich weinen oder lachen. Ich glaube, ich habe beides getan. Jetzt waren beide Decken herunter, das Dach abgedeckt, Fenster kaputt, Schlösser aus den Türen gerissen und die Wände gerissen – ein Bild der Verwüstung. Meine Betten lagen dick voll Lehm, Scherben von Dachziegeln, zerbrochener Gipsdielen. Was nun, wir mussten doch eine Bleibe für die Nacht haben. Also ran, das Dach gedeckt. Gott sei Dank hatten wir noch Ziegel in Reserve, die auf unseren Vorbau sollten. Otto ging rauf aufs Dach, ich reichte ihm die Ziegel an.

Leider wurden wir bis zum Dunkelwerden nicht fertig, da haben wir eben mal so geschlafen, konnten von unseren Betten aus die Sterne am Himmel sehen. Nun hatte ich Angst, dass wir beim Losgehen eines Blindgängers etwas auf den Kopf bekommen. Aber es hat gut gegangen. Nun hatten wir 3 Tage zu tun, um einigermaßen Ordnung zu bekommen, aber bei der nächsten Erschütterung fällt die Bude hier ganz zusammen.

Verflixt noch mal, die Sirene heult schon wieder, nun muss ich aber schnell essen – noch ist Voralarm. Kauend schreibe ich jetzt weiter. Nun regnet es in Strömen und die Halunken kommen doch – vielleicht nicht zu uns. Wir sind hier so weit, dass wir uns kaum in die Stadt wagen, vor lauter Angst, es kommt Alarm. In unserem Bunker fühlen wir uns am sichersten. Ich kann nicht in einen Stollen hinein, jedes Mal meine ich, ich müsste umfallen. Mein Herz ist nicht mehr in Ordnung, meine Nerven sind hin. Könntet Ihr sehen, wie es hier überall aussieht, nur Trümmer, man wundert sich, wenn man mal ein ganzes Haus sieht.

Wer weiß, was ist, wenn Ihr diesen Brief bekommt – Vollalarm, raus. Nun haben wir 2 Stunden im Bunker gesessen und jetzt muss ich mich beeilen, dass ich Essen koche und zur Post gehe. Licht habe ich hier keins.

Also Ihr meine Lieben, nun wisst Ihr, wie es uns geht. Ich wünsche Euch jedenfalls alles Gute und ruhigere Tage, als wir sie hier haben.

Sende Euch Beiden herzliche Grüße Eure Hedi.                              Hedwig Paul 22.11.1944

 


Es geschah vier Wochen später, ergänzt ihr Sohn Volker Paul.

Meine Mutter und mein Bruder Otto waren am 24. Dezember 1944 bei der Schwester meines Vaters eingeladen. Sie mussten dorthin mit der Straßenbahn fahren. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle kommt man an unserem Luftschutzbunker vorbei.

Da mein Bruder Otto noch nicht fertig war und bummelte, ist meine Mutter schon zur Straßenbahn vorgegangen. Als nun mein Bruder Otto zur Bahn ging, kam er am Luftschutzbunker vorbei, als gerade Fliegeralarm ertönte. Er ging nun in den Bunker, um bis zur Entwarnung zu warten. Meine Mutter war mit der Straßenbahn schon losgefahren. Bei diesem Fliegeralarm wurde der Bunker durch eine Bombe voll getroffen und viele Menschen sind getötet worden.

Nach dem meine Mutter von dem Angriff auf den Flughafen und dem Volltreffer auf den Bunker erfahren hatte, begann sie sofort voller Sorge mit der Suche nach meinem Bruder Otto. Auf der Liste der Toten war Otto nicht aufgeführt. Sie telefonierte oder fuhr alle Krankenhäuser ab, aber nirgendwo war mein Bruder eingeliefert. Meine Mutter war ganz verzweifelt, wo konnte der Otto nur sein. Am 1. Weihnachtstag 1944 bekam sie dann durch die Polizei die schreckliche Nachricht, dass Otto doch unter den Toten war.

                                                                                                          Volker Paul     2004

 

Giesela Fiedrich, geb. Riedger, die mit ihrer Familie am Kamperhofweg 20 wohnte, schrieb vor fast 20 Jahren über das schrecklichste Weihnachtsfest ihres Lebens und die Angst, die sie als junge Frau mit 21 Jahren erlebte.

Das Wohnzimmer in unserem Einfamilienhaus in der Flughafensiedlung ist schon ein wenig geschmückt. Der kleine Tannenbaum duftet frisch und zwischen den bunten Kugeln gibt es einige selbstgezogene Stearinkerzen. Die Plätzchen, die unsere Mutter, Elise Fiedrich, vom aufgesparten Mehl gebacken hatte, sogar mit zwei Eiern von unseren vier Hühnern, wurden aus dem Versteck geholt und das letzte Kaninchen, das der Vater geschlachtet hatte, stand nun auf dem Ofen. Ich, als älteste Tochter von den sieben, das Kleinste war gerade sechs geworden, hatte ein wenig geholfen, musste aber, als dienstverpflichtete Straßenbahnschaffnerin mittags zur Arbeit. So ein Pech, ausgerechnet heute hatte ich Spätdienst, damit die Familienväter frei haben. Unsere Linie 18 fuhr die Strecke Mülheim-Uhlenhorst bis Essen-Hauptbahnhof und zurück. Auf der ersten Fahrt, zwischen 14 und 15 Uhr, vom Uhlenhorst Richtung Stadtmitte, ertönte plötzlich die Sirene. Fliegeralarm! Der Strom reichte noch bis zum nächsten Luftschutzraum, einem Stollen unter dem Schloss Broich.

Dann mussten alle den Doppelwagen verlassen. Ich hängte den Geldwechsler um, nahm das Fahrscheinbuch unter den Arm und ging mit meinem Fahrer zum Eingang des Luftschutzraums. Wir blieben noch draußen stehen und schauten in die nordwestliche Richtung.

Dann blitze es in der Ferne auf. Wahrscheinlich Richtung Essen, sagte mein Fahrer. Nun aber ab in den Bunker, mahnte der Luftschutzwart. Die alten Bergwerksgänge waren muffig und spärlich beleuchtet. Eine Mutter mit Kind, das anfing zu weinen, einige Mädchen die kicherten und wenige Männer die schimpften, der Krieg solle endlich zu Ende gehen.

Endlich ertönte der langgezogene Ton der Entwarnungssirene. Wir kletterten auf die Straße, es dämmerte langsam. Die Oberleitung ist abgerissen. Wir machen Feierabend. Dann kommst du noch zurecht zum Hasenbraten, sagte der Fahrer und machte sich auf den Weg Richtung Styrum. Ich zu Fuß zum Flughafen, ca. vier Kilometer.

Gerade in der Stadtmitte angekommen, lagen die ersten Hindernisse im Weg. Kaputte Häuser, Trümmer versperrten teilweise die Straßen. An der Kreuzung Leineweber-Bachstraße, räumten ein paar Heimatsoldaten Steine beiseite.

Ich lief die Kaiserstraße hoch und an der Südstraße kamen mir die ersten Bekannten entgegen. Hast du schon gehört, der Flughafen ist bombardiert worden? Auf der Zeppelinstraße kam mir ein Lastwagen entgegen. Dann noch einer. Merkwürdig, Militärfahrzeuge.

Zwei Männer auf Fahrrädern riefen mir zu: Euer Bunker ist getroffen. Darin alle Familien, auch meine. In der unteren Etage gab es sogar Zellen entlang der Außenwände, mit hölzernen Stockwerkbetten, damit die Kinder schlafen konnten. Im Mittelraum standen Bänke, im unteren wie im oberen Geschoss. Oben, in der Nähe des Haupteingangs hielten sich hauptsächlich die Soldaten auf, die am Flughafen stationiert waren. Wir Mädchen flanierten auch meistens dort.

In diesen Gedanken kam ich, am Hauptfriedhof vorbei, meinem Ziel näher. Es wurde lauter. Eine Art Krankenwagen, sehr rar in dieser Zeit, kam mir im Affentempo entgegen. Dann hörte ich Schreie, Menschen liefen durcheinander. Der Bunker war in eine dunkle Staubwolke gehüllt, kaum zu erkennen.

Eine Nachbarin kam heulend auf mich zu. Ich fragte nach meinen Leuten. Alles zerschmettert, durch beide Etagen, fast alle tot. Sie lief weiter. Ich suchte den unteren Eingang in der Nähe unserer Zelle, aber der war verschüttet.

Nun lief ich um das Gebäude herum. Dann hörte ich die Stimme meiner Schwester. Gott sei Dank. Die Kleinen waren auf dem Weg nach Hause, Meine Schwester und zwei Männer hatten Mutter schwerverletzt aus der Zelle geborgen. Wo ist unsere Mutter jetzt? Wir müssen suchen, wo sie geblieben ist und nach den Kindern sehen. Titta weint, weil ihr Teddybär weg ist.

Wir gingen in den Immelmannweg ( heute Kamperhofweg ), wo unser Haus stand. Als wir es mit der Kleinen betreten wollten, schlägt uns wieder qualmiger Staub entgegen. Das Dach war halb abgedeckt. Der Weihnachtsbaum lag auf dem Boden, die Kugeln zersplittert. Wir räumten sie etwas beiseite um Platz für die Matratzen zu schaffen. Im Obergeschoss, wo sich die Schlafzimmer befanden, musste ich mir erst einen Weg bahnen. Das Bettzeug zog ich unter dem Mörtel hervor, dann betteten wir die Kleinen im Wohnzimmer zur Ruhe, so gut es ging. Versucht ein wenig zu schlafen, ich gehe jetzt und suche die Mutti.

Am Bunker waren noch die Helfer beschäftigt. Habt ihr meine Mutter gesehen? Hier sind keine Lebenden mehr drin. Aber vielleicht ist sie mit den Verletzten abtransportiert worden. Inzwischen sind wieder welche verstorben, die liegen alle oben auf dem Feld.

Da lagen sie nun in Reih und Glied. Mehrmals ging ich entlang, erkannte eine Nachbarin, zwei Nachbarskinder und alle, alle waren mir bekannt. Und ein Stück weiter Soldaten, Soldaten. Sei froh, hatte meine Schwester gesagt, dass du Dienst hattest, sonst wärest du dabei gewesen.

Die Verletzten sind wohl in den Mülheimer Krankenhäusern. Ich trug noch meine Bahnuniform, stark verstaubt und die hohen Schuhe mit den Holzsohlen. Wagen fuhren nun keine mehr. Am Marienhospital reges Treiben. Die Verletzten sind zum Teil auf den Stationen. Schauen sie nach. Ich erkannte einige Frauen, Kinder, manche nur an der Kleidung. Keine Spur von meiner Mutter. Nochmals ging ich alle Räume ab. Aber sie war nicht dabei.

Ein paar Leute sind noch verstorben. Sie liegen im Keller. Dicht nebeneinander waren sie aufgereiht. Auch die Opfer aus der Stadt. Ich erkannte die Mutter meiner Freundin, sie trug noch die blauweiß gepunktete Schürze, in der ich sie am Morgen gesehen hatte.

Daneben ein junger Soldat, aber ohne Beine. Mehrmals sah ich in die bleichen Gesichter, fand aber nicht die, die ich suchte.

Hoffnung begleitete mich zum nächsten Krankenhaus. Aber dort erlebte ich die gleiche Situation. Es sind auch Transporte nach Oberhausen gegangen, sagte eine Schwester. Auf nach Oberhausen, zuerst zum Josefskrankenhaus. Tatsächlich, wieder Bekannte, aber nur diese.

Weiter zum nächsten Spital. Unterwegs wieder frisch zerstörte Häuser, irgendwo brannte es noch, aber nirgendwo Strom oder sonstiges Licht. Im nächsten Krankenhaus wieder nichts. Nun stand ich auf der Straße. Bis jetzt hatte ich noch keine zeit zum Heulen gehabt. Nun war ich ratlos. Zwei Männer in Uniform wussten,. hinter dem Oberhausener Bahnhof gibt es noch einen Lazarettstollen, der ist für verletztes Militär. Ich lief sofort los, ohne viel Hoffnung, spürte auch die Kälte und die Beine nicht mehr. Angelangt. Auch dort muffiger Geruch, kaum Beleuchtung.

Dann erkannte ich Hanna und Lene. Deine Mutter liegt ganz dahinten, im obersten Holzbett. Ich flog, konnte erst mal nichts sagen. Da lag sie nun, Blut im Gesicht, den Kopf oben offen. Ob sie mich erkennt. Nein, sprechen konnte sie nicht. Aber sie lebte, lebte noch.

Als ich wieder nach Hause kam, natürlich zu Fuß, in ganz Mülheim ging nichts mehr, dämmerte der Morgen.

Inzwischen war unser Vater gekommen, die Katastrophe hatte sich weit herum gesprochen. Er wusste etwas mehr. Die Mutter hatte Glück im Unglück. Sie geriet mit dem Kopf unter das Steintischchen, das neben den Betten stand und einige Trümmer aufhalten konnte. Die Kinder konnten aus der Zelle rauslaufen, sie wollte zuletzt. In den Nachbarzellen hatte keiner überlebt .Und etwa 150 Soldaten tot. Sie waren alle im Obergeschoss.

Die Schwerverletzten sollen morgen vom Bahnhof Broich aus mit dem Lazarettzug abtransportiert werden, in Richtung Osten, wo es keine Luftangriffe geben solle. Aber die Mutter ist in Oberhausen, kopfverletzt. Ob sie transportfähig ist. Die werden auch alle mitgenommen. Wenn sie das nur überlebt. Jetzt muss ich erst mal schlafen.

Am 1. Weihnachtstag abends kam unser Vater vom Bahnhof zurück. Den ganzen Tag über ist der Sonderzug beladen worden. Alles nur Schwerverletzte. In der Nacht solle der Transport abgehen. Leise fügte er hinzu. So viel Umstand machen sie mit den Todgeweihten. Hoffentlich sehen wir sie wieder. Er hatte tatsächlich etwas mit seiner Frau sprechen können und den ganzen Tag Abschied genommen. Ich dachte, nun ist sie in Sicherheit.

Von dieser Zeit an warteten wir auf ein Lebenszeichen. Tage- wochen- monatelang. Das die Verletzten in die Gegend von Schwerin kamen, dort notdürftig und später besser versorgt wurden, dass unsere Mutter einen Schädelbasisbruch, Knochenbrüche an Armen und Beinen überlebt und am linken Ohr ihr Gehör verloren hatte, wurden wir erst im Spätherbst 1945 nach Kriegsende gewahr.

Plötzlich stand sie, abgemagert, blass und dürftig bekleidet vor der Tür unseres Hauses, das wiederaufgebaut war. Die Russen hatten sie laufen lassen, auch andere Überlebende, meist ältere Frauen und ein paar Kinder. Aber wir waren alle wieder zusammen. Nicht alle in der Siedlung hatten das Glück. Ganze Häuser waren zerstört. Zwei Familien ausgelöscht und andere halbiert. Und Weinachten kommt alle Jahre wieder.
                                                                            Gisela Riedger, geb. Fiedrich     1983

 

 

 

 

 

 

 

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Josef Märte

aus Sipplingen am Bodensee. 

Josef wurde am

18. 09. 1919 in Sipplingen geboren und wird seit dem

03. 08. 1044 in 

Stupia - Pacanow /Polen vermisst. 
Laut Meldung war Josef am 3. August 1944 bei der

2. Kompanie leichte Feldwerftabteilung (motorisiert) I/40 
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